Fakten

Wir sind 849 Tage um die Welt gereist (11. Juni 2013 bis 07. Oktober 2015). Unsere letzte Station war Bangkok, Thailand.
Wir reisten 71844 Kilometer durch 26 Länder. Jetzt sind wir wieder in Deutschland und planen unsere naechste Reise.

Dienstag, 28. Januar 2014

Der Schatten Mao's

29.01.2014 (1.03 Uhr Beijing Time):
Dunhuang, Gansu, China: Heute haben wir von anderen Reisenden erfahren, dass die Autonome Region Tibet fuer auslaendische Reisende bis Maerz/April geschlossen ist. Wir werden diesen (schlechten) Neuigkeiten in den naechsten Tagen auf den Zahn fuehlen. Nach einem Hotel-Marathon (alle waren uns zu teuer und - jaja - nur die Hotels mit vielen Sternen wuerden Auslaender aufnehmen... - Quark.) - Aber hier der eigentliche Post:

27.01.2014:
Hami, Xinjiang, China – Tag Zehn im Land dessen Name auf Chinesisch “Zhongguo“ heisst!
Wir sind bereits ungefaehr viertausend Kilometer gereist, seit wir Kirgistan verlassen haben und – vorweg gesagt – es ist grossartig wieder voran zu kommen, Neues zu erleben, zu erkunden und zu entdecken. Aber, wir bewegen uns durch ein Land, dessen Sprache wir nicht verstehen, dessen Schrift wir nicht lesen koennen und wo Internationalismen nicht verstanden werden. Man muss Glueck haben, auf Menschen zu treffen, die einem weiterhelfen koennen. Und dazu kommt, dass wir hier erstmals, aber leider nicht selten, auf Leute treffen, die gegen unseren Charme und unsere Hilfsbeduerftigkeit offenbar immun sind.
Die ersten Erfahrungen sammeln wir in Kashgar, wir fuehlen uns sehr wohl, schlaendern durch die Altstadt, probieren da und dort etwas von den Essensstaenden, die ueberall in der Stadt zu finden sind. Aus Zentralasien kommend, sind die Unterschiede nicht zu gross, dennoch staunen wir viel in den ersten Tagen in diesem unfassbar grossen Land. Wie weit die Orte voneinander entfernt sind, koennen wir schnell feststellen, als wir in den Bus nach Hotan steigen.  Verwoehnt von guenstigen Transportpreisen, die seit dem Iran vorherrschen, knausern wir mit den rund fuenfunddreissig Dollar, die die Fahrt kosten soll. Wir sitzen direkt ueber dem Fahrer mit bester Sicht, und fahren fuenfhundert Kilometer entlang der Taklamakan-Wueste. Im Abenddunkel finden wir eine Herberge, verhandeln, einigen uns und wandern durch die naechtliche Innenstadt. Eine Mao-Statue schmueckt den zentralen Platz, Jugendliche, (unglaublich viele) Kinder und Erwachsene vergnuegen sich auf einem Rummel: Karussel, Luftballonschiessen, Auto-Scooter. Laute Musik hallt von allen Seiten und geht ineinander ueber. Ein tiefer Dunst haengt ueber der Stadt. In unserem Reisefuehrer lesen wir, der Smog sei im Winter am schlimmsten. Trotzdem kann man Sterne am Himmel erkennen, der Mond ist seit ein paar Tagen wieder abnehmend.
Wir suchen nach Abendessen und setzen uns neben gackernde Uighurs, die von uns fasziniert sind und schluerfen Lamian (Suppe mit Nudeln). Es ist kalt, ein Uhr nachts, ueberall dampfen die Kohle-Kessel, der Nacht-Markt leert sich langsam. Morgen frueh sind die Essenstaende die ersten, die wieder auf machen.
Ausgeschlafen machen wir uns am naechsten Tag auf den Weg, legen uns einen Wasservorrat an, kaufen Lauch- und Zwiebelbrote und beginnen den Fussmarsch aus der Stadt hinaus, denn wir wollen per Anhalter durch die Wueste reisen. Wir kommen vorbei an Gemuese-, Fleisch- und Trockenfruechtehaendlern, Teppichverkaeufern und Roller-Werkstaetten. Kinder spielen alleine auf der Strasse, die Gesichter kohleverschmiert. Dreirad-Transporter dienen als oeffentliches Verkehrsmittel, ein alter Mullah reicht dem Fahrer einen Yuan und setzt sich auf die Kante der Ladeflaeche.
Riesige Kohlebloecke liegen vor einem Haus, das Stroh trocknet auf dem Dach, die Huehner stolzieren ueber den andrazitdunklen Boden.
Wir fragen nach der Richtung und sind sofort von zehn, fuenfzehn Schaulustigen umringt. Wo die Strasse nach Aksu ist, wollen wir herausfinden. Sie zeigen in verschiedene Richtungen. Etwas hilflos laufen wir weiter. Auf einmal schreit Emma, ein Halbmaskierter haelt ein Messer in der Hand und versucht, ihre Tasche an sich zu reissen. Zum Glueck haelt sie die Tasche fest, ich schubse ihn weg und schreie ebenfalls. Er muss ohne Beute fluechten und springt auf den Motorroller seines Kumpanen. Mit wackligen Knien sortieren wir uns und wir finden jemanden, der uns helfen kann. Wir werden an die richtige Stelle gebracht und schreiben in chinesischen Schriftzeichen Aksu auf unser Schild.
Viele halten an, fahren aber weiter, als wir mit Haenden und Fuessen erklaeren, dass wir fuer die Fahrt nichts oder nur sehr wenig bezahlen wollen. Viele LKW’s parken am Strassenrand. Mit ihnen wuerden wir sicher in der Nacht nach Aksu kommen. Aber wir entscheiden uns dafuer, noch etwas von der Wueste zu sehen und handeln einen bezahlbaren Preis fuer die naechsten vierhundertfuenfzig Kilometer aus. Fuer die naechsten circa acht Stunden teilen wir das Auto mit drei Moslems.

Hinterm Steuer sitzt ein moppliger, kurzgeschorener Mann mit einem duennen Oberlippenbart. Neben ihm, nach hinten gewand sitzt ein Mann im mittleren Alter, ein langer rotgefaerbter Bart (ein Zeichen fuer besonders grosse Religiositaet), eine traditionelle Kappe auf dem Hinterkopf. Er hat liebe Augen, schweigt die meiste Zeit. Ich sitze in der Mitte hinten, meine Beine eingeklemmt, Emma rechts, ein ziegenbaertiger Mann mit wachen Augen und schlechten Zaehnen links. Er redet auf mich ein, will wissen wo wir herkommen, traegt einen Fellhut und stoehnt oefter “Allah akbar” aus. Irgendwann holt er sein Telefon hervor, praesentiert mir seine englische Smartphone-Ausgabe des Heiligen Koran’s. Interessiert, zu interessiert fuer seine Begriffe, lesen wir die Zeilen. Von Nichtglaeubigen handeln sie und davon, dass sie verloren sind. Ich ahne Schlimmes. Der Mann zeigt gen Himmel und meint immer wieder “Allaaaahh”! Der Fahrer schaltet das Radio ein. Ein Imam predigt, Glaeubige stellen ihm Fragen, er antwortet. Es ist schrecklich monoton, aber dessen nicht genug, wird der Volumeregler so sehr nach oben gedreht, dass die Boxen uebersteuern. Uebermuedet schlafen wir dennoch ein. Als die Sonne untergeht und wir fuer das Abendgebet anhalten, haben wir ein paar Minuten Ruhe. Der Rotbart uebernimmt das Steuer. Der Ziegenbart rueckt auf den Beifahrersitz und der Oberlippenbart kommt neben mich. Er ist unfreundlich. Er will, nein, er verlangt unseren Pass zu sehen (er wird ihn nicht sehen) und will wissen, wie viele Kinder Emma hat. Keine? Nein, wie viele? Warum nicht? Drei? Vier? Er versteht uns nicht. Er spricht mir Worte vor und will, dass ich sie wiederhole. Sie erinnern mich sehr an ein Gebet, bei dem man den Glauben zum Propheten Mohammed und zu Allah bekennt. Ali hat uns im Iran davon erzaehlt. – Will er aus mir einen Moslem machen?! Ich weigere mich und hoffe auf einen Szenewechsel. Wir halten wieder an. Die drei gehen beten, danach gibt es Essen. Im Fernsehen laeuft ein Kriegsfilm mit englischen und chinesischen Untertiteln. Wir trinken Chai, erklaeren allen Umstehenden wo wir herkommen, einer hat peruanisches Geld, fragt uns aber, woher es stammt, wir erklaeren aus Peru. Keiner versteht. Sie raten. Wir hoeren nur Russland, wir sagen abermals Peru, erklaeren wo es liegt. Unglaeubigkeit. Wir warten bis die Herrschaften fertig gegessen haben und hoffen darauf, bald Aksu zu erreichen. Trotz Muedigkeit traue ich mich nicht zu schlafen, nachdem der Stillste der drei am Lenkrad einnickt. Auch der Mopplige schliesst nach einem erneuten Fahrerwechsel immer laenger die Augen. Beim Polizeicheck, als wir die Wueste verlassen, schlaeft er, nachdem wir fuenf Sekunden stillstehen. Also beginne ich, auf Deutsch auf ihn einzureden: “Bleib wach! Nein, nicht so weit nach links! Bleib auf deiner Spur! Achtung, Achtung!” – und dazu der monoton labernde Radio-Imam. Nach einer ewig waehrenden Fahrt setzt er uns irgendwo in Aksu ab. Wortlos und erschoepft verabschieden wir uns.
Es ist (wieder mal) zwei Uhr nachts. Wir wollen einfach nur pennen und finden eine Unterkunft, wo wir am naechsten Tag bis zum Nachmittag schlafen. Vom “Trampen” haben wir leider erstmal fuer ein paar Tage genug. Wir haben gelesen, dass es einen Zug von Kuqa nach Turpan gibt. Am Busbahnhof erfahren wir aber, dass wir auch einen direkten Zug nehmen koennen. Also decken wir uns abermals mit Essen ein und fahren zum Bahnhof. Unser Achtzehn-Stunden-Zug faehrt erst zwei Uhr nachts. Also setzen wir uns ins Warme, beobachten Massen ankommen und abfahren, lesen und recherchieren.
Der Zug ist gestopft voll. Unsere Plaetze liegen mehrere Reihen auseinander. Wir versuchen, Sitzplaetze zu tauschen. Es dauert eine Weile, bis sich jemand bereit erklaert, uns zusammen sitzen zu lassen. Ein aelteres Ehepaar sitzt mit uns auf den zwei Dreierbaenken und eine junge Muslima bestickt ein Kissen.
Die Augen sind von allen Seiten an uns geheftet, selbst als wir aneinander gelehnt versuchen, ein wenig Schlaf zu finden. Erst als in Korla viele aussteigen, acht Stunden nach dem wir losgefahren sind, ist Platz genug, sich einmal auszustrecken. Wir sind beeindruckt von der kargen Natur, die Berge sind cremefarben bis rostbraun, der Zug schlaengelt sich bergauf, bergab, die LKW’s auf der Strasse nebenan begegnen uns immer wieder. Es geht durch menschenleere Gegenden, an kleinen verlassenen Ruinen und bewohnten Lehmhaeusern vorbei, von deren Schornsteinen Rauch aufsteigt. Viele Schafherden, Esel, Ziegen und Kamele beobachten wir, aber Menschen gibt es hier nur sehr wenige.
Am meisten interessieren unsere Mitreisenden unsere Buecher. Immer wieder schauen uns Chinesen ueber die Schulter und lachen und feixen. Wir spielen Verstecken mit kleinen rundgesichtigen Kindern und sind von einer grossen Traube von Menschen umringt. Einer hat ein intelligentes Telefon und stellt uns mithilfe seines Uebersetzungsgeraetes Fragen: Wie teuer eine Hochzeit in Deutschland ist und ob wir Moslems sind.
Alles was uns irgendwie seltsam und neu erscheint, versuchen wir mit einem Laecheln zu quittieren. Unser Freund Canada-Michael erklaerte seine Hass-Liebe zu China so, dass man eben stets probieren sollte, seinen Humor zu behalten. Manchmal faellt mir das ein bisschen schwer.
In Turpan gibt es keinen Bahnhof, weshalb die Zuege im knapp sechzig Kilometer entfernten Daheyan halten. Als wir acht Uhr abends ankommen, gibt es keine Busse mehr und wir muessen mal wieder mit Taxifahrern diskutieren, um fuer einen bezahlbaren Preis in die Stadt zu kommen. Das White Camel Youth Hostel, von dem wir einen Flyer besitzen, ist geschlossen. Ein bingguan nebenan kann uns aber aufnehmen.

(Taxifahrer – es muss einfach mal raus: Diese Gattung benoetigt eigentlich einen eigenen Eintrag, auch wenn sie diejenigen sind, die es sich am wenigsten verdient haben. Bisher sind, egal in welchen Laendern, sie dafuer verantwortlich gewesen, wenn wir aergerlich wurden, denn stets versuchen sie uns, uebers Ohr zu hauen, aus uns Touristen so viel wie moeglich herauszuquetschen. Und: Sie luegen (gefuehlt) immer, wenn sie einen Vorteil daraus ziehen koennen. Deshalb: Frage NIE einen Taxifahrer, ob es einen Bus gibt, oder ein Shared Taxi oder ob man die Strecke auch laufen koennte.
Ist man auf sie angewiesen, so ist die Zeit meist sehr unangenehm. Vom Intellekt her scheinen die meisten auf aehnlich schlechte Weise ausgeschmueckt zu sein, was auch kein Wunder ist, wenn man tagtaeglich tausendfach nur “Taxi, Taxi” ruft. – In Zentralasien ist das im Uebrigen noch um Laengen verbreiteter. Die verzweifelten Versuche, uns fuer sich zu gewinnen ist geschmacklos und schlimmer als das Buhlen im Tierreich. Ihr Charakter leidet definitiv unter ihrer Geldgier und ihrer Langeweile. Die Dollar-Zeichen blinken in ihren Augen auf, sobald sie uns sehen, wie Raubtiere stuerzen sie sich auf uns, wie Kaugummi an der Schuhsohle bleiben sie an unserer Seite, bis wir deutlich gemacht haben, dass wir kein Taxi brauchen und sie uns sowieso zu teuer sind.)
Turpan (Tulufan) hat einen wunderschoenen Basar, wo es alles gibt, was das Herz begehrt. Diese Gegend Xinjiangs ist besonders beruehmt fuer ihre Weintrauben, Melonen und ihre Baumwolle. Sobald man in die Naehe des Basars kommt, duftet die Luft nach frisch gebackenem Brot, scharfen Gewuerzen, geroesteten Nuessen, gebratenem Fleisch und – Feuer. Diese Geruchsmischung ist unglaublich angenehm und wir stuerzen uns gern in das Getuemmel, probieren hier und dort von den Auslagen und photografieren die Schaetze von dieser Seite der Welt.
Wir entscheiden uns am Ende fuer dunkelblaue und gruene Rosinen, die milchigen Wallnuesse sind leider zu teuer. Auch hier gibt es leckeres rundes Lauch-Brot (fuer ungefaehr dreissig Cent pro Stueck). Der feuchte Brotteig wird in das Innere eines Steinofens geklebt, baeckt wenige Minuten ueber dem offenen Feuer und wird dann mithilfe eines Hakens wieder herausbefoerdert und auf die Auslage geworfen – Ein schoenes Schauspiel. Auf aehnliche Weise werden mit Fleisch gefuellte Teigtaschen (wie Samsa in Kirgistan, Kasachstan und Co.) gemacht. Das Fleisch dafuer wird auf einem Holzbock vor dem Verkaufsstand mit dem Beil zurechtgehackt. Das tote Tier (meist Ziege oder Schaf, aber auch hin und wieder Kamel), oder Teile davon, haengen meist an Haken daneben. Oft liegen Fell, Koepfe und Eingeweide nicht weit entfernt, auch wenn die Chinesen so gut wie alles vom Tier essen. Besondere Delikatessen sind hier Hoden, Gehirn und sonstige innere Organe. Fischkoepfe sind auch hoch im Kurs.
Bisher haben wir noch keine der letztgenannten Dinge probiert.
Ein Ticket fuer den Zug zu bekommen, ist ein Erlebnis an sich... Wieder loesen wir eine Fahrkarte fuer einen Nachtzug, dieses Mal ca. vierhundertfuenfzig Kilometer weiter nach Hami, nachts zwei Uhr.
In der Zwischenzeit lernen wir im Turpan Museum ein bisschen ueber die Geschichte der Seidenstrasse in China dazu, viele Ausstellungsstuecke sind mehrere hundert Jahre alt. Durch urige kleine Strassen und ueber staubige, braune Weinfelder laufen wir zum Emin Minarett, einer alten Moschee mit einem hohen, runden, verzierten Turm inmitten von Old Turpan. Idyllisch geht die Sonne unter im schmierig-versmogten Licht. Seit unserer Ankuft ist taeglich Sonnenschein – ein wirklich sehr angenehmer Winter, wenn auch ziemlich knackig!

Wir eilen zurueck, holen unsere Rucksaecke und hoffen, noch rechtzeitig zum Bus zu kommen, der uns zum Bahnhof bringen soll – Vergeblich. Ein verkorkster Tag nimmt seinen Lauf. Keiner derjenigen, die wir fragen, will uns fuer unsere vorgeschlagene Summe zum Bahnhof nach Daheyan bringen. Das Handeln, das Feilschen, was bisher immer ganz gut zu funktionieren schien, kommt in China an seine Grenzen. Oft besteht unser Gegenueber auf seinen Preis, obwohl wir wissen, dass es nicht die korrekte Summe ist.
Wir werden von einem englischsprechenden, jungen Mann ins Stadtzentrum eingeladen, dort sei es einfacher, ein billigeres Taxi zu finden. Als es dort auch unmoeglich scheint, jemanden zu finden, fragen wir die Polizei um Hilfe. Die Beamten rufen ihre Kollegen, sie bringen uns auf die Polizeiwache. Ausweise werden kontrolliert und Fotos geschossen, aber alles laeuft sehr freundlich ab. Sie bieten uns an, uns zum Bahnhof zu bringen. Wir sind voll des Dankes und der Erleichterung und froh, wenigstens ein paar Yuan an diesem Tag gespart zu haben.
Im Zug finden wir nach ein paar Minuten Wirrwarr wieder eine Sitzbank zusammen und schlafen, den Kopf auf dem Tisch, bis wir sieben Uhr frueh in Hami sind. Um neun wird es erst hell, also fragen wir die officers bei der Gepaeckkontrolle, ob wir ein paar Stunden im Bahnhofsgebaeude schlafen koennen.
In Situationen wie diesen wird uns deutlich, dass ganz viel in China auf Regeln basiert. Wir duerften eigentlich nur ins Gebaeude, wenn wir ein Ticket haetten. Dass wir gerade angekommen seien, dass es dunkel sei und wir kein Hotel haetten, wo wir hingehen koennten, erklaeren wir. Verschiedene Bahnhofs-Polizisten werden konsultiert, bis wir endlich ins Innere geleitet werden. Wir duerfen im VIP-Bereich die Beine auf den Baenken ausstrecken. Punkt neun, die Sonne ist gerade aufgegangen, werden wir aus dem Schlaf gerissen. Es waere jetzt hell, wir sollten jetzt gehen. Freundlich, aber bestimmt.

Vieles, was uns hier begegnet, erscheint festgelegt und starr. Vielleicht liegt es daran, dass die letzten Tage nicht so leicht fuer uns waren. Aber oft sehe ich mich mit Konflikten konfrontiert, die eigentlich nicht der Rede wert sind. Ich fuehle, als sei fuer eine eigene Meinung, fuer Individualitaet nicht so viel Freiraum. Schon gar nicht bei Entscheidungen. Es wirkt auf mich, als wuerde das System, das Gesetz ueber allem stehen (was wahrscheinlich teilweise notwendig ist, bei der Menge an Menschen, die in diesem Staat leben) – aber es ist gleichzeitig wie eine Kapitulationserklaerung an das eigene Denken. Das sozialistische Gemeinwohl steht noch immer im Vordergrund, Sonderwuensche sind ungewoehnlich, so erscheint es mir. Und wenn sich jemand damit konfrontiert sieht, dann gibt der die Entscheidung ab, an hoehere Instanzen. So werden wir von Pontius zu Pilatus geschickt. Fuer mich sieht es aus, als wuerden sich viele unverantwortlich fuehlen, nicht weiter wissen, wenn wir ungewoehnliche Fragen stellen und daher lieber auf die Regeln verweisen und Ausnahmen verwehren. Als wuerde Mao persoenlich ueber ihre Schulter schauen und jeden Arbeitsschritt nachverfolgen. Dort wo sie koennen, machen sie natuerlich trotzdem, was sie wollen…

In Hami selbst, einer modern und jung wirkenden Stadt, finden wir schnell eine sehr guenstige Bleibe, schlafen ein paar Stunden, bevor wir die Stadt erkunden.
Das Interessanteste sind zwei Moscheen nebeneinander, eine im Chinesischen Stil, wie ein buddhistischer Tempel designed, die andere im traditionell muslimischen Uighur-Stil.
Als wir zurueck kommen, ist die Rezeptionsdame wie verwandelt. Sie wirkt angespannt, will uns aus dem Zimmer werfen. Wir zeigen ihr eine Telefonnummer von einer der Bahnhofsangestellten, die Englisch spricht, weil wir die Gruende fuer ihre Verwandlung erfahren moechten, sie will aber nicht anrufen. Sie will uns auch das Geld nicht wieder geben, was wir bereits fuer die Nacht bezahlten. Im Hotel koennten wir nicht bleiben, gibt sie uns zu verstehen, weil sie sonst Probleme mit der Polizei bekaeme. Ohne unser Geld wuerden wir nicht gehen, kontern wir. Am Ende schreit sie uns an, gibt uns aber den gruenen Schein zurueck, von dem uns Mao anstarrt, und verjagt uns. Sicherlich ein klassisches Missverstaendnis, ein Unverstaendnis. Nicht alle Hotels und Gaestehaeuser sind dazu befugt, Touristen aufzunehmen. – Wieder erkenne ich den Schatten Mao’s.
Als wir, wieder im Dunkeln, von Hotel zu Hotel ziehen, da sie uns alle zu teuer sind, wird abermals die Polizei zu Rate gezogen. Die jungen Uniformierten laden uns in ihren Dienstwagen und begeben sich mit uns auf Gasthaus-Suche. Dank ihnen werden wir fuendig und wir schuetteln dankbar Haende, schauen in glueckliche Gesichter.
In China herrschen fuer mich unverstaendliche Gegensaetze vor: Reichtum ist sicherlich fuer viele weit entfernt, dennoch sind die Preise unglaublich hoch und Geld scheint in grossen Mengen vorraetig zu sein. Sie geben alles, fuer die Wirtschaft des Landes, wie fuer die eigene natuerlich auch. Kapitalismus im Sozialismus. Besonders grosse Herzlichkeit oder Empathie begegnet uns hier bisher wenig, nicht dass wir es als Selbstverstaendlichkeit annehmen wuerden. Aber die Interesse an uns scheint sich leider vorranging auf unsere finanziellen Mittel zu begrenzen – abgesehen von unserer Andersartigkeit im Aussehen.
Fuer Low-Budget-Touristen wie uns sind in dieser Jahreszeit einfach die Moeglichkeiten sehr begrenzt, der hungrige Chinesische Geld-Schlund verlangt sehr viel von uns ab und wir hoffen, dass wir dennoch mit vielen positiven Erfahrungen weiterreisen koennen. Auch wenn noch viele tausend Kilometer vor uns liegen, ein paar tausend Kilometer haben wir in zehn Tagen “durchflogen“. Dieses Reisetempo ist fuer Koerper und Geist nicht sehr angenehm, wir sind verspannt und haben tiefe Augenringe
J. Aber wir geniessen jeden guten Moment, sind dankbar fuer liebe Menschen, die uns begegnen und fuer tolle Gegenden, die unsere Augen erblicken.

Vielleicht wird alles ein wenig leichter, wenn wir Xinjiang verlassen. Gansu wartet schon auf uns!
China, wir sind bereit, wir bieten dir Frieden an. Nimm ihn an, sei so gut!

Liebe Gruesse aus‘m Osten,
Euer Anselm (und eure Emma
)

Riesige Mao-Statue in Kashgar
(weitere Bilder gibts in der "Fotoreihe Januar")

Kommentare:

  1. Hallo Ihr Beiden!

    Ich lese immwer mit grossen Vergnugung! Kashgar, Turpan Aksu, die Erinnerungen sind bei mir noch irgendwie frisch obwohl es ist schon einige Jahre her. Ich war auch oben in den Emin Minaret zum Sonnenuntergang. Mein Beziehung zu China ist auch eher Hass/Liebe zum Teil mit weniger Liebe als Hass :-) Interessant is es aber doch. Ein Wahnsinnig vielfaeltiges land mit viel zu bieten und viel zu lernen.

    Was ist Eurer Reiseroute jetzt? Wird ihr trotzdem durch Tibet nach Nepal reisen? Ich war 4 mal in Tibet und nur einmal offiziell mit Permit. Wenn ihr schafft es nach Lhasa zu gehen wird ihr sicherlich auch ueber die Freindship Highwway nach Kathmandu schaffen. Möeglicherweise ist der letzten Pass, der Lalung La, wegen Schnee nicht passierbar. Falls Tibet keine Option ist es gibt andere schoene Wege. Sud China ist sehr schoen und ganz anders als den Westen und Norden. Wenn Ihr die Chance habt besuche Yangshou in der naehe von Guilin. Dort gibt es ein einmalige Landschaft, wirklich beindruckend. Wenn ihr irgendwo in die naehe sind dass muss ihr unbedingt sehen. Yangshou ist auch ein kleine Backpackers dorf und eine gute Stelle ein wenig "Urlaub" zu machen. Yunnan Provinz ist auch ganz toll. Im sueden Xishaungbanna mit vielen "Hill Tribes" und interessanten Minderheits Gruppen. Ehrlich gesagt aber das kann man viel besser in Laos erleben. Der klein stadt Lijiang ist trotz der grosses inlandstourismus wirklich sehenswert und die Naxi Volker sind sehr interessant. Ein weiteren ruehig und schoenen ort mit Naxi's ist Dali.

    Wenn ihr lang genug in China geblieben sind dass die Fruhling da ist da kann mann auch von Yunnan Provinz nach Lhasa reisen. Es ist ein ganz andere Tibet auf diese Seite. Meine letzte Reise in Tibet war von hier aus. In Zhongdian kann mann leute finden um ein Jeep zu teilen. Trampen wurde auch gehen aber wird sehr abenteuerlich. Das war mein absicht als ich dort ankam, hab aber dann ein Jeep genommen. War nicht sehr billig aber es war einer der schoensten routen die ich je gemacht habe. Falls das ihr fuer dieser route entscheiden kann ich mehr infos geben.

    zu viel geschrieben also ende teil 1

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  2. AEin andere moeglichkeit waere von Yunnan nach Laos zu reisen von der Stadt Jinghong. Laos und Kambodscha sind sehr sehr angenehm und besonderes wenn mann von der Stress mit China satt ist ist Laos genau das richtige. Vietnam ist im vergleich eher stressig und mehr wie China als die anderen Laender sud-ost Asiens. Wenn Tibet noch gesperrt ist und ihr moechten weiter dann ist diese route zu emfehlen. Mann kann dann nach Indien reisen von den osten und dann nach Nepal (beste zeit fuer nepal ist aber vor oder noch besser, nach der Monsun, also april/mai oder dann erst wieder in Oktober). Tibet ist aber perfekt wahrend der monsun (Juli und August sind die besten Monate dort) weil das regen schafft es nicht ueber der Himalaja. Es ist auch warmer natuerlich. Das Kathmandu Tal ist aber angenehm waehrend der monsun. Es gibt kaum touristen (relativ gesehen) und obwohl es jeden tag regnet es ist meistens nur fuer ein oder 2 stunden. Da kann man nochwas unternehmen. Trekkinf in die Berge ist nicht so git weil mann die Berge ueberhaupt nicht sehen wird. April Mai ist der 2. trekking saison aber der staub von der Indischen ebenen sammelt sich unter die Bergen und mann hat nicht ein weiten klaren Blick trotz guten wetters. Dafuer sind die Rhodedhendron in voiller bluete, dort sind sie richtige baüme und es ist einfach traumhaft durch diese Wälder zu laufen. Oktober/November ist auf jedenfalls die beste Zeit die Himalaya zu sehen. Die luft ist rein, wetter stabil und es ist nocht nicht zu kalt. Dafuer sind die touristen mächtig unterwegs! Ja, wie ihr schon bemerkt haben: da hat mann selten alles jutes beisamen!!

    Ich glaube da hab ich erstmals genug geschrieben. Tut mir leid, ich lese es nicht einmal durch, mein kauderwealsch zusammen mit anderen tip fehlern wird bestimmt ein abenteuer alleine zu lesen. Schick mir bei gelegenheit eure groben route. Da kann ich genaueren emphelungen geben. Ich habe einige Jahren in der Gegend verbracht. Glaub mir der besten Teile von euren Reise stehen noch vor ihr. Nepal, und Tibet, Indien und Laos, Kambodscha...you will love it!!!

    Safe and happy travels. Looking forward to your next stories and pictures!!

    Liebe Grüße aus Berlin!

    matt

    ps. Ich bin vielleicht im Oktober/November in Nepal...

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